Samstag, 22. Oktober 2016

Ein sehr früher Winter, eine wärmende Gastfreundschaft und „shoppen auf Kirgisisch“



Ein sehr früher Winter, eine wärmende Gastfreundschaft und „shoppen auf Kirgisisch“

„Der Herbst der Herbst der Herbst ist da!“, sang ich noch vor einer Woche mit meiner Klasse auf einem Schulfest. Und auch im Morgenkreis singen wir ständig von den goldenen Herbstfarben und wie bunt die Blätter sind. In der Realität gibt es diesen Herbst nicht. Beziehungsweise er war nach zwei Wochen wieder vorbei. Jetzt schneit es oft und die Temperaturen schwanken immer wieder um die null Grad  plus, minus.  Ich war durchaus auf einen sehr kalten Winter eingestellt, aber dass ich bereits Mitte Oktoberr in meinen dicksten Jacken friere, hat mich dann doch sehr überrascht. Deshalb war ich heute Wintersachen kaufen- auf kirgisische Art: Auf einem der größten asiatischen Kleiderbasare, dem Dojdoj Basar. Man hat beinahe das Gefühl man befinde sich in einer eigenen Stadt. Riesige Hallen voll mit Containern bieten sowohl für den privaten Einkauf, als auch für Sammelkäufe von Großhändlern, größtenteils aus Kasachstan angereist, eine breite Auswahl.  Bei ungefähr null Grad habe ich zwar einerseits nicht wirklich Lust die Dinge anzuprobieren, die ich kaufe, fühle mich aber durch die Kälte gleich doppelt bestärkt in dem Gefühlt dicke Pullis, Handschuhe und Mützenunbedingt zu brauchen -Keine schlechte Geschäftsidee. Immer wieder muss man Männern ausweichen, die Schubkarren voll mit Ware durch die eh schon sehr engen Gänge ziehen, ausweichen. Hört man nicht rechtzeitig den kirgisischen Ruf für „Aus dem Weg!“, fährt der Karren eben über meine Füße und ich lande in einem nebenstehenden Kleiderständer.  


Trotz der derzeitigen Kälte und einigen Krankheitsfällen, die mich letzte Woche überfielen, geht es mir hier richtig gut. Besonders die Gastfreundschaft, die ich immer wieder erfahren darf, macht die Kälte des Winters wieder vollkommen wett.  Letztes Wochenende war dieses Erlebnis ganz besonders intensiv. Drei Mitfreiwillige und  ich waren bei der Köchin des Janosz-Korzack Zentrums (die Werkstatt der Schulabsolventen) zum Essen eingeladen.  Nach dem uns der elf jährige Sohn zum Haus geführt hat wurden wir mit Küsschen und einer herzlichen Umarmung von der Gastgeberin begrüßt. Die Tochter, die etwa in unserem Alter ist und derzeit studiert, bediente uns durchweg mit Tee. Kaum hatte man eine Tasse leer getrunken, so wurde nachgeschenkt. Während das „Blof“  (die Paella Kirgistans) von der Tochter fertig auf dem Gasherd fertig  zubereitet wurde, bekamen wir von Mutter, Vater und Sohn stolz die Tiere gezeigt.  Wir staunten nicht schlecht über den Stall im Garten, der 4 Schafe, mindestens 15 Hasen und einen Hund, der sich für ein Schaf hält, beinhaltet.  Nach und während dem Essen haben wir uns so gut es eben ging auf Russisch unterhalten. Immer wieder wurde betont, dass wir wieder kommen müssen und, dass wir jetzt ein Stück weit zur Familie gehören. Beim Abschied wurde jedem von uns eine Tüte Essen in die Hand gedrückt , wir wurden auf die Stirn geküsst und umarmt, bis uns ein älterer Sohn mit dem Auto nach Hause fuhr.  
In meinem Empfinden kann ich keinen besseren Einblick in die Kultur Kirgisiens bekommen als über Begegnungen wie diese. Denn während ich auf der einen Seite beobachte, wie die Frauen immer wieder in die Hausfrauen und Bedienerinnen Ecke erzogen werden, wie Frauen, die Ende zwanzig immer noch nicht verheiratet sind von der Familie unter Druck gesetzt werden, oder einfach von vornerein durch die Eltern verheiratet werden,  so sehe ich doch auch, dass die Familien hier eine ganz andere Bedeutung haben, als ich es von den deutschen Verhältnissen gewohnt bin. Dass Familie hier eine Art Altersvorsorge ist, sowie ein fester Verbund der an aller erster Stelle steht. Natürlich bin ich erst zwei Monate hier und kann mir noch lange kein Urteil über die hiesigen Strukturen oder die Kultur bilden, sondern nur meine persönlichen Wahrnehmungen und Eindrücke schildern. Und letztendlich bleibt für mich die Frage noch offen, ob es überhaupt das Ziel sein soll, ein finales Urteil zu fällen. Im Moment gefällt es mir einfach sehr gut, die Menschen, die Sprachen, die Landschaft, die Traditionen, die Feste, die Abläufe und Strukturen usw. ,zu beobachten und zu versuchen mich dabei ein Stück weit einzugliedern ohne meine Wertevorstellungen oder mich selbst dabei  zu unterdrücken.
Ich möchte also abschließend nochmal betonen, dass ich froh bin genau an diesem Ort gelandet zu sein, die Menschen zu treffen, die ich hier treffe und mit jedem Tag mehr sprechen und verstehen zu können.

Samstag, 8. Oktober 2016

Привет и салам дороги дуризей



Привет  и салам дороги дуризей

Nun bin ich schon seit fünfeinhalb Wochen weg von zu Hause. Obwohl die Zeit hier rasend schnell vergeht ist Deutschland bereits weit weit, weit entfernt für mich. Das ist auch einer  der Gründe warum ich meinen Blog länger nicht aktualisiert habe. Es ist einerseits manchmal gar nicht so einfach gleichzeitig voll und ganz „dort“ sein zu wollen und dennoch mit halben Kopf  an „Zuhause“ zu denken. Außerdem bleibt mir unter der Woche so wenig Zeit all die Dinge zu erledigen, die anstehen oder auf die ich einfach nur Lust habe. Denn Arbeit und anschließend Sprachkurs nehmen unter der Woche den ganzen Tag ein. Eigentlich wollte ich dieses Wochenende nutzen um endlich mal wieder raus aus der Stadt zu fahren und frischere Luft zu atmen und beim Wandern den Kopf frei zu bekommen. Aber mit dem Herbst, der schlagartig letzten Montag eingebrochen ist, kam auch meine erste Erkältung. Meine Energie, die durch die durch und durch anstrengende Arbeitswoche bereits enorm gering war, ist dadurch vollends zu neige gegangen und ich muss das Wochenende zu Hause verbringen. Es ist für mich noch sehr schwer mit meinen Kräften zu haushalten, da ich natürlich die wenig verbleibende freie Zeit voll und ganz ausnutzen möchte. 

In meiner Klasse wurde es die letzte Zeit ein wenig stressiger. Der Auslöser dafür: Die Assistentin der Lehrerin kommt nicht mehr, weil ihr Ehemann es ihr nicht mehr erlaubt…Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!  Aber auf die gender roles hier werde ich in einem separaten Eintrag noch einmal eingehen. Folglich fallen die Aufgaben der Assistentin, wie etwa Tisch decken, Geschirr spülen, Essen zubereiten oder in der 5 Minuten entfernten Schule abholen, putzen, Pampers wechseln, füttern uvm, auf mich zurück. Deshalb arbeitet jetzt Kristina, die ein Praktikum für drei Monate in Ümüt-Nadjeschda macht, auch in meiner Klasse. Kristina spricht schon viel mehr russisch als ich, was mir einerseits beim Übersetzen eine große Hilfe ist. Andererseits wird jetzt für alle Beteiligten nochmal verdeutlicht wie schlecht die Kommunikation mit MIR funktioniert.  Auch der Deutschunterricht, den ich zu geben versuche, frustriert mich derzeit ein wenig.  Es ist einfach so schwer mit meinen russisch Kenntnissen deutsche Grammatik zu unterrichten. Außerdem müsste ich die Gruppe eigentlich in drei Gruppen unterteilen, da die Lernstärken dermaßen unterschiedlich sind, das es unmöglich ist, den Mädchen die gleichen Aufgaben zu geben.  Dennoch bin ich mir bewusst, dass ich durch meinen Unterricht (mind. Zweimal wöchentlich) Elisa (die Klassenlehrerin) sehr entlaste, die derzeit sehr unter Stress steht. Derzeit studiere ich auch ein deutschsprachiges  Herbstlied mit allen ein, das wir am Herbstfest im Oktober vorsingen werden. An den Tagen an denen ich keinen Deutschunterricht gebe kümmere ich mich in der Zeit, während Elisa unterrichtet um zwei Jungs. Kristina und ich müssen immer wieder feststellen wie schwer es für die beiden ist zu Zählen und ein Verständnis für Menge zu haben, Zahlen zu  schreiben und zu erkennen, Buchstaben zu schreiben und zu erkennen etc.  -Dinge die für uns ganz einfach und selbstverständlich sind..
Ganz kurz zum täglichen Ablauf:
Der Tag beginnt immer mit einem gemeinsamen Morgenkreis in der Schule, bei dem alle Klassen anwesend sind. Anschließend laufen bzw. rollen wir, die Werkoberstufe, zu unserer Klasse, die wie bereits erwähnt ein paar Minuten Fußweg von der Schule entfernt ist. Dort beginnt der Tag mit Kunstunterricht und einem anschließenden Frühstück. Darauf folgt dann der Hauptunterricht. Nach dem Mittagessen bleibt dann noch eine gute Stunde, die die Schüler*innen im Garten verbringen. Die Lücken des Tages füllen sich mit den oben genannten Aufgaben, die früher  größtenteils von der Assistentin übernommen wurden.  

Ich hoffe ihr habt einen ersten groben Einblick in meine Arbeit bekommen.
 Bei Fragen schreibt mir gerne eine E-Mail oder einen Kommentar.

Ich sende euch ein bisschen von unserer wunderschönen Herbstsonne und den mittlerweilein weiß gefärbten Berggipfeln, die ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit sehe.


Пока Пока
Eure Lissa!


Donnerstag, 22. September 2016

Angekommen




Ich sitze in diesem Moment auf der Fensterbank in meiner neuen Wohnung, blicke aus dem Fenster auf einen kleinen Garten, trinke einen anrühr  Kaffee, an den ich mich langsam gewöhnt habe, und fühle der Anstrengung des Tages und der letzten Woche nach. Es ist ein gutes Gefühl von Anstrengung. Es ist das Gefühl, einer Arbeit nachgegangen zu sein, die mich erfüllt. Und da ist noch eine Gefühlsregung die mich überkommt, wenn ich aus dem Fenster schaue: Ich bin angekommen. Vielleicht noch nicht zu Hundertprozent, aber jetzt habe ich das Gefühl zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, ein Jahr lang hier ein richtig schönes Leben führen zu können und hier zuhause zu sein.  Aber der Reihe nach..
Vorletzter Montag war mein erster Arbeitstag. Ich arbeite in der Werkoberstufe, mit Jugendlichen, die nicht viel jünger oder älter als ich sind. Dort habe ich drei Kinder zugeteilt, auf die ich besonders achten muss und denen ich bei Tätigkeiten wie essen/füttern helfen soll. Außerdem soll ich mehrmals die Woche Deutschunterricht geben. Das jedoch ist aus zwei Gründen sehr schwer: Zum einen ist es mir noch ein Rätsel wie ich mit den Kindern kommunizieren soll ohne russisch sprechen zu können. Viel schwerer jedoch ist für mich die Tatsache, dass die Klasse derartig bunt gemischt ist, bezüglich des Schweregrades der Behinderung. Da wäre zum Beispiel ein 19 jähriges Mädchen, der schlicht und einfach nur die Beine fehlen und ansonsten genauso eine junge Erwachsene ist wie ich es bin.  Im Kontrast dazu gibt es auch einige, die  gefüttert werden müssen, nicht malen geschweige denn schreiben oder lesen können.  Gar nicht so leicht für alle eine angemessene Art zum Lernen und Beschäftigen zu finden.
Die Arbeitswoche wurde Donnerstag jedoch unterbrochen, weil in der Schule ein mehrtägiges Seminar für die Lehrer*innen stattfand. Dafür mussten wir drei Tage ins Janosz-Korcak Zentrum, eine Werkstatt für Erwachsene mit Behinderung. Dort durften wir eine richtige Praktikanten Aufgabe erfüllen: Ausmisten, Aufräumen, Putzen. Aber dennoch war es sehr schön einen Einblick in die Vielseitigkeit unserer Einrichtung zu bekommen.  
Am Sonntag bin ich dann tatsächlich umgezogen. Die Unterkunft im Kindergarten am Stadtrand war durchaus nicht schlecht. Dennoch konnte ich mich dort nie richtig zuhause fühlen. Zum einen ist der Weg zur Arbeit und zum Stadtzentrum sehr sehr lang. Man hat kaum die Möglichkeit abends in die Stadt zugehen, was es erschwert Leute kennen zu lernen. Außerdem müssen wir uns dort an einige Regeln halten, und können Küche und Bad nur nutzen, wenn die Kinder weg sind (bis acht Uhr morgens und ab halb sieben abends und am Wochenende). Zum Anderen steht der Winter in einem Monat an, und dort gibt es wenn nur eiskaltes Wasser und auch das Plumpsklo ist nicht sonderlich wintertauglich. Zwei von uns vier wohnen nun weiterhin da, während ich und eine Mitfreiwillige uns ein Zimmer in einer sehr schönen WG mitten in der Stadt teilen. Unser Mitbewohner ist ein Student aus der Türkei, der immer gute Laune in der Wohnung verbreitet. Ab Oktober wird noch ein Franzose einziehen.
Montag arbeiteten wir ein letztes Mal im Korcak Zentrum und Dienstag fuhren wir zu einer dazugehörigen Camp Hill Einrichtung, wo zwei weitere Freiwillige aus Deutschland arbeiten. Nach eineinhalb Stunden Fahrt auf sehr ruckeligen „Straßen“ kamen wir im Manas Sozialdorf an. Mit anderen Worten mitten im nichts steht ein Kuh- und Schafstall, sowie drei Häsuer, der Wohnraum für ca 16 Erwachsene mit Behinderung und zwei Freiwilligen Mädchen aus Deutschland. Ein Camphill ist eine Wohngemeinschaft, in der die Menschen mit Behinderung  mit denjenigen ohne Behinderungen zusammen leben und arbeiten. In diesem Fall jedoch wohnen nur die Freiwilligen dort, während die anderen Mitarbeiter morgens kommen und abends gehen.  Der Arbeitstag der Freiwilligen dort beginnt morgens mit dem Anziehen der Betreuten und endet nach dem Abendessen um acht. Dagegen kommen mir meine sieben Stunden Arbeit am Tag sehr wenig vor. Auch meine Lebensverhältnisse kommen mir nun sehr luxoriös vor. Dort gibt es gar kein fließendes Wasser und das Duschen ist dementsprechend sehr kompliziert.  Auch wenn die Landluft deutlich besser ist bin ich sehr zufrieden mit meinem derzeitigen Bischkek-Stadtleben, zumal das Großstadtleben noch etwas sehr aufregendes und neues für mich ist und ich außerdem am Wochenende zum Wandern aufs Land fahren kann.
Mittwoch und Donnerstag (heute) war ich dann endlich wieder in meiner Klasse.  Ich habe viel mit den Jugendlichen gesungen und so werden wir morgen bei einer Art Schulfest „Bruder Jakob“ auf Deutsch, Englisch und Französisch vorsingen. Es ist jedes Mal ein wunderschönes Gefühl mit den Kindern zu singen, in ihre begeisterten Gesichter zu schauen und sie zum Lachen zu bringen. Selbst nach den paar Tagen habe ich alle so sehr in mein Herz geschlossen!
Der einzige Stoßdämpfer ist nach wie vor die Sprache. Obwohl ich jetzt dreimal wöchentlich in die Sprachschule gehe wo ich Einzelunterricht in Russisch bekomme, habe ich noch keine Chance zu verstehen was die Kinder oder die Lehrer mir erzählen und kann mich ebenso wenig mitteilen oder Fragen stellen, was für mich sehr schwer ist, da ich, wie einige wissen, immer viele Fragen habe ;-) Hinzu kommt natürlich, dass in diesem Land zwei Sprachen anerkannt sind. So muss man sich auf dem Bazar zum Beispiel auf Kirgisisch durch fragen, während in der Schule hauptsächlich russisch gesprochen wird. Zwei komplett unterschiedliche Sprachen- wo soll man da nur anfangen?


Ich hoffe es geht euch allen soweit gut, bei Fragen schreibt mir einfach eine Mail,
Ganz liebe Grüße aus meiner Wohnung in Bischkek,

Eure Lissa



Montag, 12. September 2016

Eine Erlebnisreiche Woche!



Eine Erlebnisreiche Woche!




Die letzten 8 Tage hatte ich kaum Zeit mich zu melden, da meine Woche gut gefüllt war.  Letzten Montag, der fünfte September begann für uns Freiwillige die Arbeit. Allerdings sollten wir nicht direkt in unsere Klassen geschickt werden, sondern begannen unseren Dienst mit einem Gartenprojekt. Gemeinsam bemalten wir die Mauer, bauten zwei Zäune und eine Feuerstelle, die wir jeweils auch bunt bemalten.  Wir frühstückten mit den Kindern und aßen ebenfalls in den Klassen zu Mittag. Für mich war das eine sehr gute Gelegnehit mich langsam auf die bevorstehende Arbeit mit Kindern mit Behinderungen vorzubereiten. Gar nicht so einfach mit Appetit zu essen während um einen herum mehr Essen auf dem Tisch landet als in den Mündern der Kinder, oder wenn ein anderes Kind dir andauernd ins  Essen patschen will. Umso schöner fand ich zu sehen mit wie viel Geduld und Fürsorge die Lehrerinnen mit den Kindern umgehen. Und auch mir wurde sehr viel Geduld entgegengebracht, wenn ich mal wieder nur Bahnhof von dem verstand was mir auf russisch mitgeteilt wurde. Mir wird jedoch auch immer mehr bewusst wie viel Kommunikation auch ohne Sprache funktioniert. Besonders bei den Kindern, die zum großen Teil nicht sprechen können, ist es ein gutes Gefühl zu verstehen was sie gerade brauchen ohne russisch zu sprechen. Es tat mir Donnerstag dann richtig Leid zu wissen, dass ich nun nicht mehr bei ihnen sein werde, da meine eigentliche Aufgabe die Werkoberstufe sein wird, wo ich Jugendlichen in etwa meinem Alter in einer Werkstatt nahe der Schule betreuen werde.

Freitag (der 09.09.) ging es dann endlich zum lang erhofften Issyk-Kul See. Alle Freiwilligen von Nadjeschda und unsere „Betreuerin“ Aidana durften von Freitag bis Montag „Urlaub“ am See machen.  Nachdem wir das wichtigste an Essen auf dem Bazar eingekauft hatten, saßen wir zusammen in der Maschrutka und starrten allesamt gebannt aus dem Fenster, als wir Bischkek verließen. Die hohen Plattenbauten wurden zunehmend von kleineren Häusern mit schiefen Dächern abgelöst. Vorbei an Autowerkstätten, riesigen Schrottplätzen und vermehrt einfach nur Kilometerweiter Steppe ließen wir das Stadtgetümmel hinter uns. Die Natur veränderte sich ständig. Immer näher kamen rechts und links die Berge und igendwann befanden wir uns mitten auf einer kurvigen Straße mitten im Gebirge.  Die Berge sahen dabei aber so unterschiedlich aus, das ich gar nicht aufhören konnte staunend nach rechts und links zu blicken. Jetzt sah man auch öfter eine Jurte am Straßenrand stehen, oder besondere Ofen in denen Mais an die vorbeifahrenden Autos verkauft wurde. Nach ca 4 Stunden Fahrt kamen wir bei dem Kindergarten an, in dem wir für drei Nächte wohnen würden. Wir wollten natürlich sofort zum See, den wir schon kilometerweit auf der Autostrecke sehen konnten. Der See ist so riesig, das ich immer wieder das Gefühl hatte am Meer zu sein.  Baden konnten wir erst am nächsten Tag, was wir auch ausgiebig taten.  Dass das Wasser salzig ist und da man die Berge am anderen Ende des Sees durch die Wolken kaum sieht verstärke dies  mein Gefühl im Meer zu schwimmen. Das Wasser ist total klar und der Blick auf die Berge vom Wasser aus ist einfach nur magisch!

  Den Sonntag ging ich mit einigen anderen von uns  auf eine Wanderung zum Fuße der Berge.  Dort begegneten wir zwei Kirgisen, die enormen Spaß daran hatten uns auf ihre Pferde zu setzen und uns total gestellt positioniert zu fotografieren. Am Ende wollten sie uns kaum mehr gehen lassen.
Und auch abends hatten wir eine durchaus interessante Begegnung mit einer kirgisischen Familie:  Da wir im Kindergarten kaum fließendes Wasser zu Verfügung haben, dachten wir uns es sei eine gute Idee nach der schweißtreibenden Wanderung im See zu duschen. Natürlich mit biologisch abbaubarem Schampoo. Aber das scheinen die Kirgisen nicht zu kennen. Als also ein Mitfreiwilliger von mir sich gerade einschäumte und in den See sprang,  rannte ein durch und durch  zorniger Kirgise ins Wasser und zog den verwirrten Kevin in Badehose unbehutsam aus dem Wasser und hielt ihm eine ziemlich drohende Predigt, dass er gefälligst die öffentliche Dusche benutzen sollte- die wir natürlich nicht endeckt hatten. Als wir uns darauf total eingeschüchtert verdrücken wollten wurden wir von eben demgleichen Mann zu seiner Familie gewunken, wo wir zu Wodka und Gepäck eingeladen wurden. Ich war sprachlos.
Heute war dann jedoch die Krönung dieses wunderschönen, erlebnisreichen Wochenendes. Es ist der sogenannte „Ait“-Feiertag der Moslems, den wir auf dem Land besonders schön erleben konnten. Es ist nämlich Brauch, das man ein diesem Feiertag von Haus zu Haus zieht und bei sieben Häusern zum Tee und Essen bleibt. So zogen wir also los und schlugen uns bereits im ersten Haus den Bauch mit Chai und „Borsok“ (frittierten Teigteilchen) voll.  Letztendlich waren wir in 4 Häusern zu Besuch und bekamen so einen spannenden Einblick in die einfachen Wohnungen, und sogar in eine Jurte, die unterschiedlich mit wunderschönen Teppichen verziert waren. Eins hatten sie jedenfalls alle gemeinsam:  die Tische waren randvoll gedeckt und auf jedem freien Fleckchen zwischen den bunten Salaten,Resi, Nudeln  Marmeladen und keksen wurde „Borsok“ gelegt, damit der Tisch auch ja bedeckt war. Am Ende hatten wir alle einen absolut über vollen Bauch und Tee hatten wir auch erstmal genug.  Es wurde uns noch allerhand Essen mit auf den Weg gegeben und wir wurden herzlich mit Umarmung und Küsschen verabschiedet. Was ein wunderschönes kulturelles Erlebnis!  Wie meine Nachbarschaft in Deutschland wohl reagieren würde, wenn ich an Weihnachten einfach an jedem Haus vorbeikommen und Tee und Essen erwarten würde? Unvorstellbar!
Kulurell und Kulinarisch bereichert fuhren wir dann zurück nach Bischkek. Ein seltsames Gefühl nach vier Tagen mitten im Land plötzlich wieder den Stadtsmog in der Nase zu haben..
Morgen geht es dann für uns alle richtig mit der Arbeit los. Ich bin SEHR gespannt was mich erwartet..ihr hört von mir,
Eure Lissa